Warum Japans kleinste Hauptinsel ein besonderes Reiseziel ist – und was wir von der Tradition O-settai über echte Gastfreundschaft und bewusste Auszeiten lernen können.Recherchierte ReisegeschichteKein eigener Vor-Ort-Test
Es gibt Reisen, von denen man mit Hunderten Fotos zurückkehrt. Und es gibt Reisen, von denen vor allem ein Gefühl bleibt.
Vielleicht die Erinnerung an einen fremden Menschen, der einem geholfen hat. An eine unerwartete Begegnung. Oder an einen Moment, in dem man plötzlich spürt, wie wenig es eigentlich braucht, um glücklich zu sein.

In diesem Artikel – direkt zum Thema
Die amerikanische Reisejournalistin Laura Kiniry berichtet im Smithsonian Magazine von ihrer Wanderung auf der japanischen Insel Shikoku. Eine Landschaft aus Bergen, Wäldern, kleinen Dörfern und buddhistischen Tempeln. Doch was ihre Reise so besonders macht, sind nicht allein die Sehenswürdigkeiten.
Es ist die Freundlichkeit der Menschen.
In Japan gibt es dafür auf Shikoku eine eigene Tradition: O-settai.
Und ich finde, dahinter steckt eine wunderbare Vorstellung davon, was Reisen und auch Wohlbefinden ausmachen können.
Shikoku – das Japan jenseits der großen Metropolen
Wer an Japan denkt, sieht vermutlich zuerst Tokio vor sich: leuchtende Reklametafeln, geschäftige Straßen, außergewöhnliche Architektur und eine Stadt, die scheinbar niemals zur Ruhe kommt.
Shikoku erzählt eine andere Geschichte.

Die kleinste der vier japanischen Hauptinseln liegt südlich von Honshu. Sie besteht aus den vier Präfekturen Tokushima, Kochi, Ehime und Kagawa und ist bekannt für ihre Berglandschaften, Küsten, regionalen Spezialitäten und eine jahrhundertealte Pilgertradition.
Der berühmte Shikoku-Pilgerweg verbindet 88 buddhistische Tempel. Je nach Streckenführung umfasst der Rundweg ungefähr 1.200 bis 1.400 Kilometer. Er ist eng mit dem buddhistischen Mönch Kūkai verbunden, der auch als Kōbō Daishi verehrt wird.
Wer ihn vollständig zu Fuß zurücklegen möchte, benötigt in der Regel mehrere Wochen. Doch man muss weder die gesamte Strecke bewältigen noch Buddhist sein, um einzelne Abschnitte kennenzulernen.
Und genau das macht diesen Weg auch für Menschen interessant, die keine klassische Pilgerreise planen.
O-settai: Wenn Gastfreundschaft mehr ist als guter Service
Eine kleine Szene aus Laura Kinirys Reise ist mir besonders im Gedächtnis geblieben.
Am Tempel Konsen-ji erhält sie von einem japanischen Mädchen zwei gefaltete Origami-Kraniche – als Zeichen guter Wünsche für ihren weiteren Weg.
Später hilft ihr ein Gastgeber, als sie sich im Regen verirrt hat. Ein Taxifahrer schenkt ihr Orangen für die nächste Wanderetappe.
Es sind keine spektakulären Ereignisse. Keine teuren Geschenke. Und doch sind es genau diese Begegnungen, an die sich die Autorin nach ihrer Reise besonders erinnert.

Diese Form der Gastfreundschaft heißt O-settai.
Entlang des Pilgerwegs unterstützen Einheimische die Wandernden mit Getränken, kleinen Speisen, praktischer Hilfe oder freundlichen Gesten. Dahinter steht auch die religiöse Vorstellung, dass der verehrte Kōbō Daishi die Pilger auf ihrem Weg begleitet und ihnen gewissermaßen begegnet.
Es geht also nicht einfach darum, besonders gastfreundlich zu sein. Es ist eine tief verwurzelte Haltung gegenüber anderen Menschen.
Vielleicht ist wahrer Luxus manchmal einfach das Gefühl, willkommen zu sein.Ein Gedanke von Frau Schirra bloggt
Ich beschäftige mich auf meinem Blog häufig mit schönen Hotels, besonderen Spas und Orten, an denen man sich eine Auszeit gönnen kann.
Dabei wird mir eines immer wichtiger: Ein Haus kann noch so stilvoll eingerichtet sein und über einen beeindruckenden Wellnessbereich verfügen. Wenn die Herzlichkeit fehlt, bleibt am Ende etwas Entscheidendes auf der Strecke.
Umgekehrt kann eine kleine, ehrliche Geste einen Aufenthalt unvergesslich machen.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, Gastfreundschaft nicht nur am Service zu messen, sondern auch an der Aufmerksamkeit, die Menschen einander schenken.
Waldbaden: Warum man auf Shikoku keine Wellnessanwendung buchen muss
Ein weiterer Aspekt von Shikoku passt wunderbar zu dem, was wir heute unter bewusster Erholung verstehen.

In Japan gibt es den Begriff Shinrin-yoku, übersetzt etwa „Waldbaden“. Gemeint ist das bewusste Eintauchen in die Atmosphäre eines Waldes – ohne sportlichen Leistungsdruck und ohne ein bestimmtes Ziel erreichen zu müssen.
Auf Shikoku führen Teile des Pilgerwegs durch dichte Zedernwälder, vorbei an moosbewachsenen Steinen, Bambus und alten Tempelanlagen. Andere Abschnitte verlaufen allerdings entlang asphaltierter Straßen, durch Ortschaften oder über anspruchsvolle Bergwege. Es ist also nicht durchgehend ein romantischer Waldpfad.
Aber gerade darin liegt für mich ein interessanter Gedanke: Erholung muss nicht immer perfekt inszeniert sein.
Wir buchen Massagen, Wellnesswochenenden und Anwendungen, um zur Ruhe zu kommen. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden – ich genieße diese Dinge selbst sehr.
Doch manchmal beginnt Erholung viel einfacher.
Mit einem Spaziergang ohne Kopfhörer. Mit bewusstem Zuhören. Mit dem Gefühl von frischer Luft auf der Haut und der Freiheit, für einen Moment nirgendwo sein zu müssen.
Waldbaden ersetzt keine medizinische Behandlung. Aber der Aufenthalt in der Natur kann eine wertvolle Ergänzung sein, wenn es darum geht, Abstand vom Alltag zu gewinnen.
Vier Regionen, vier besondere Entdeckungen
Kulinarisch und kulturell hat Shikoku einiges zu bieten. Besonders schön finde ich, wie eng die regionalen Spezialitäten, die Badekultur und das traditionelle Handwerk mit den Landschaften der einzelnen Präfekturen verbunden sind.

Foto: Kagawa Prefecture Tourism Association
Kagawa
Berühmt für Sanuki-Udon, kräftige, elastische Weizennudeln.

Foto: Präfektur Tokushima – Jōmanji-Tempel
Tempel & Pilgertradition
Stille Tempelanlagen und jahrhundertealte Pilgertraditionen gehören zum kulturellen Erbe Shikokus.

Foto: Präfektur Ehime – Dōgo Onsen Honkan
Ehime · Dōgo Onsen
Heiße Quellen und die traditionsreiche japanische Badekultur machen Dōgo Onsen zu einem besonderen Ort.

Foto: Präfektur Ehime – Iyo Sakurai Lacquerware Hall
Ehime · Handwerkskunst
Traditionelle Lackkunst und kunstvoll gefertigte Schalen zeigen die Liebe zum Detail im japanischen Handwerk.
Nicht überall muss es ein exklusives Restaurant sein. Manchmal ist es gerade ein einfaches Essen, das uns besonders gut in Erinnerung bleibt.
Ein frisch zubereitetes Gericht, eine kleine Familiengaststätte oder eine Spezialität, die man zu Hause noch nie probiert hat.
Auch das ist für mich ein Teil des Reisens: neugierig bleiben und sich auf das einlassen, was einen Ort unverwechselbar macht.
Was wir von Shikoku für unsere eigenen Auszeiten lernen können
Man muss nicht nach Japan reisen, um etwas von dieser Haltung in den eigenen Alltag mitzunehmen.
Vielleicht geht es auch darum, unsere Erwartungen an eine gelungene Auszeit gelegentlich zu hinterfragen.
Muss ein Wochenende immer möglichst viele Erlebnisse bieten? Brauchen wir ständig neue Wellnessangebote? Und ist ein Aufenthalt automatisch besser, nur weil er besonders viel kostet?
Ich glaube nicht.
Gerade wenn wir beruflich und privat viel um die Ohren haben, wird freie Zeit schnell zu einem weiteren Projekt. Wir planen, vergleichen, buchen und möchten möglichst viel aus den wenigen verfügbaren Stunden herausholen.
Dabei geht manchmal verloren, worum es ursprünglich ging: sich wohlzufühlen.
Die Geschichte von Shikoku erinnert mich daran, dass drei Dinge eine Auszeit besonders wertvoll machen können:
Das kann ein Gespräch mit einem Gastgeber sein, der uns einen persönlichen Tipp gibt. Ein kleiner Spaziergang, der überraschend schön ist. Oder ein Restaurant, in dem man sich nicht wie ein zahlender Gast, sondern tatsächlich willkommen fühlt.
Und genau solche Erlebnisse interessieren mich zunehmend auch bei meinen eigenen Hotel- und Spa-Besuchen.
Würde ich Shikoku auf meine Reiseliste setzen?
Ja – allerdings nicht als klassischen Wellnessurlaub.
Mich würde vor allem die Kombination aus Natur, regionaler Küche, traditionellen Unterkünften, heißen Quellen und dem Pilgerweg reizen.

Ich würde nicht versuchen, alle 88 Tempel zu besuchen. Viel interessanter fände ich es, einzelne Etappen zu entdecken, mir Zeit für kleinere Orte zu nehmen und zwischendurch ein traditionelles japanisches Onsen zu besuchen.
Wer sich näher mit Shikoku beschäftigt, sollte allerdings wissen, dass die Insel eine gewisse Reiseplanung erfordert. Einige Wanderabschnitte sind steil und anspruchsvoll, und die Entfernungen zwischen den Sehenswürdigkeiten können größer sein, als man zunächst vermutet.
Für einen ersten Einblick lassen sich auch kürzere Abschnitte des Pilgerwegs auswählen – ohne den gesamten Rundweg bewältigen zu müssen.
Für mich wäre Shikoku kein Reiseziel, bei dem ich möglichst viel abhaken möchte.
Sondern eines, bei dem ich bewusst weniger plane.
Das schönste Souvenir ist manchmal eine Begegnung
Am Ende hat mich an Laura Kinirys Reisebericht weniger die Vorstellung von stillen Wäldern und jahrhundertealten Tempeln fasziniert als die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen einander unterstützen.
O-settai ist eine schöne Erinnerung daran, dass Gastfreundschaft mehr sein kann als eine professionelle Dienstleistung.
Vielleicht ist das auch eine Erkenntnis für die Art, wie wir reisen: Nicht jedes besondere Erlebnis braucht einen außergewöhnlichen Ort, eine luxuriöse Ausstattung oder einen hohen Preis.
Manchmal reicht ein Mensch, der im richtigen Moment freundlich ist.
Und vielleicht sind es genau diese Augenblicke, die eine Reise wirklich unvergesslich machen.
Transparenz & Quellen
Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag wurde von einer Reportage inspiriert und ist kein eigener Reise- oder Spa-Test. Ich war selbst bislang nicht auf Shikoku. Die persönlichen Überlegungen und Bewertungen der Reiseidee stammen von mir.
- Laura Kiniry: Originalreportage im Smithsonian Magazine (29. September 2026)
- Japan National Tourism Organization: Shikoku Henro, Pilgerweg und O-settai
- Shikoku Henro: Hintergrund und Streckenlänge
- Japanische Fremdenverkehrszentrale: Reiseziel Shikoku
Die Fotografien in diesem Beitrag stammen
von der Japanischen Fremdenverkehrszentrale (JNTO) und der Fotoplattform Unsplash .
Es handelt sich nicht um eigene Aufnahmen.
Die jeweiligen Bildquellen und Fotografen
werden direkt unter den Bildern genannt. Die Japan-Karte wurde mithilfe
künstlicher Intelligenz erstellt
und dient der geografischen Orientierung.
Sie ist nicht maßstabsgetreu. Die Bildrechte verbleiben bei den
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