Ich stehe in einer schwedischen Ferienwohnung, der Vermieter ist selbst im Urlaub.
Kein Schlüsselübergabe-Termin, kein Vertragsgespräch, keine Kaution. Nur eine Nachricht: „Viel Spaß – und wenn etwas ist, wendet euch an die Nachbarn. Ach ja, mein Privatgrundstück am See dürft ihr gerne nutzen.“ Damals habe ich das als außergewöhnliche Freundlichkeit abgespeichert.
Heute, nach der Lektüre von „Wo geht’s denn hier zum Glück?“ von Maike van den Boom, verstehe ich: Das war kein Zufall, das war für Schweden völlig normal.
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Dieses Buch liest sich wie eine Reise...
… durch Länder – und gleichzeitig wie eine leise, aber unbequeme Rückfrage an uns selbst.
Maike van den Boom reist dorthin, wo Menschen in Glücksrankings regelmäßig ganz oben stehen: nach Skandinavien, nach Island, aber auch nach Kolumbien oder Australien. Sie spricht mit Pflegekräften, Lehrern, Eltern, Unternehmern. Keine Hochglanzinterviews, keine Thesen mit Zeigefinger. Sie schaut zu, hört zu, lässt Situationen wirken.
Und genau darin liegt die Stärke des Buches: Es erklärt nicht, es zeigt. Was sich dabei langsam entfaltet, ist eine einfache, aber radikale Erkenntnis:
Glück ist kein Gefühl. Glück ist ein Rahmen.
In vielen dieser Länder wird Vertrauen nicht als Risiko betrachtet, sondern als Ausgangspunkt. Transparenz gilt als Schutz, nicht als Schwäche. Fehler sind kein Makel, sondern Teil des Systems. Kontrolle existiert – aber sie dominiert nicht alles.
Während ich lese, denke ich immer wieder an diesen schwedischen Ferienhausbesitzer. An mein deutsches Staunen. Und an die Erkenntnis, dass mein Staunen mehr über mich sagt als über ihn.
Kühe auf Matratzen – mehr als ein Detail
Ein Bild aus dem Buch bleibt besonders hängen: Kühe, die in nordischen Ställen auf Matratzen liegen. Nicht aus Tierliebe-Romantik, sondern aus Überzeugung. Weil man dort verstanden hat, dass Wohlbefinden die Grundlage von Gesundheit und Leistung ist. Für Tiere. Und für Menschen. Schaffe gute Bedingungen – und vieles regelt sich von selbst.

Island am Kühlschrank
Besonders eindrücklich ist auch ein Beispiel aus Island. Nach der Finanzkrise wurden dort keine großen Leitbilder ausgerufen, sondern einfache Impulse formuliert. Die „10 Gebote des Wohlbefindens“ landeten als Kühlschrankmagnete in den Haushalten. Keine Parolen. Sondern Alltag.
Man liest das und fragt sich unweigerlich: Warum hängt bei uns eigentlich nichts am Kühlschrank?
Vielleicht, weil wir Glück oft als Ziel begreifen. Als etwas, das man erreicht, wenn alles stimmt? Nicht als etwas, das man täglich pflegt.
Janteloven, Gemeinschaft und das Wir vor dem Ich
Das Buch spart auch die Schattenseiten nicht aus. Das skandinavische „Wir“ – geprägt vom Janteloven – schafft Gleichwertigkeit und Sicherheit, kann aber Individualität und Risiko dämpfen. Glück ist hier kein Feuerwerk, sondern ein stabiles Grundrauschen.

Deutschland – viel richtig, dennoch unzufrieden
Deutschland wirkt im Vergleich fast paradox: objektiv sicher, wohlhabend, organisiert – und dennoch innerlich angespannt. Maike van den Boom beschreibt ein Land, das sich selbst im Weg steht. Nicht aus Mangel, sondern aus Perfektionismus. Aus dem Wunsch, alles richtig zu machen. Und dabei das Lebendige verliert.
Erst der Umweg, der kleine Riss, das Unfertige machen Erfahrung spürbar. Genau dort wird es menschlich.
Und was ist mit Kolumbien und den anderen Länder?
Spannend wird es, wenn der Blick nach Kolumbien oder in südländische Kulturen geht. Dort tragen weniger Systeme, dafür Beziehungen. Familie, Nähe, gemeinsames Essen, Tanzen, Feiern – auch in schwierigen Zeiten. Glück funktioniert hier nicht als Luxus, sondern als Überlebensstrategie.
Australien wiederum steht für eine andere Haltung: weniger Grübeln, mehr Pragmatismus. Probleme werden gelöst, ohne sie zu zerdenken. Das Leben darf leicht sein, ohne belanglos zu werden.
Die Erkenntnis finde ich ist klar:
Skandinavien zeigt, wie sehr verlässliche Strukturen tragen.
Kolumbien und südländische Länder zeigen, wie stark Beziehungen tragen.
Australien zeigt, wie entlastend Gelassenheit sein kann.
Unterschiedliche Wege – dieselbe Basis: Ohne Vertrauen kein Glück?

Glück als tägliche Praxis
An einer Stelle bringt das Buch es sehr nüchtern auf den Punkt: Glück ist wie ein Muskel. Man muss ihn benutzen, sonst baut er ab.
Das ist nicht als Selbstoptimierung gemeint. Es geht auch nicht darum, ständig nur bei sich zu sein. Sondern um Verantwortung. Wer auf sich achtet, bleibt handlungsfähig – und kann für andere da sein.
Selbstaufopferung wird hier nicht verklärt. Sie hilft niemandem. Diese Haltung taucht im Buch immer wieder auf, ganz selbstverständlich. Und genau deshalb bleibt sie mir im Kopf.
Stil, Wirkung und für wen das Buch geeignet ist
Der Stil des Buches ist beobachtend und sehr bildhaft. Die Autorin folgt keinem klaren roten Faden, sondern springt zwischen Ländern, Begegnungen und Gedanken – wie eine Reisende, die unterwegs Notizen macht. Das kann beim Lesen stellenweise chaotisch wirken und verlangt Aufmerksamkeit. „Wo geht’s denn hier zum Glück?“ ist deshalb weder Roman noch durchkomponierter Sachtext, sondern eher eine Sammlung von Beobachtungen und Perspektiven.
Beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass viel von der eigenen Grundstimmung abhängt und davon, mit welchem Blick man auf gesellschaftliche Themen schaut. Wer klare Thesen oder lineare Argumente sucht, könnte sich schwertun. Wer bereit ist, Gedanken stehen zu lassen, nimmt deutlich mehr mit.
Hinzu kommt: Das Buch ist 2016 erschienen. Seitdem hat sich die Welt verändert – politisch, gesellschaftlich, emotional. Manche Passagen liest man heute zwangsläufig mit mehr Kontext. Gerade das macht die Lektüre für mich so wertvoll: Sie wird zum Spiegel. Nicht nur der Welt, sondern auch der eigenen Entwicklung.
Was mir bleibt, ist die Erkenntnis, dass jedes Buch etwas hinterlässt. Dieses auch. Ich verstehe nun besser, warum der Anschlag im norwegischen Jugendcamp auf Utøya für Norwegen nicht nur ein politisches Ereignis war, sondern eine tiefe kulturelle Wunde.
Besonders schätze ich zudem die Quellen am Ende des Buches, die weitere Bücher, Institutionen und Gedanken aufzeigen.
Fazit: Eine Einladung statt einer Anleitung
Als ich das Buch zugeklappt habe, hatte ich weniger das Gefühl, etwas gelernt zu haben, als vielmehr etwas verstanden zu haben. „Wo geht’s denn hier zum Glück?” liefert definitiv keine Checklisten zum abhaken.
Es regt an, die eigenen Muster zu überprüfen, das Bedürfnis nach Kontrolle, den Perfektionismus, das ständige Grübeln. Das Buch macht deutlich: Glück ist kulturell geprägt, aber es ist auch eine Entscheidung. Nicht die Frage „Warum sind andere glücklicher?“ zählt, sondern: „Was hält uns selbst davon ab?“
Das Buch liefert dazu viele leise Antworten. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum „Wo geht’s denn hier zum Glück?” für mich kein einmaliges Leseerlebnis bleibt. Ich werde es wieder zur Hand nehmen – zu einem anderen Zeitpunkt, mit einem anderen Blick.
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